Donnerstag, 15. Dezember 2011

chronischLEBEN-Glosse
Warum Nonnen die Pille nehmen dürfen - aber doch nicht sollten

Als der Renaissance-Künstler Hans Baldung Gried Äbtissin Veronica von Andlau
und fünf Nonnen des Klosters Hohenburg zeichnete, mussten die frommen Damen
sich noch keine Gedanken darum machen, ob die Pille nehmen dürfen.
Dürfen katholische Nonnen die "Pille" nehmen? Natürlich nicht, wird jeder anständige Rechtgläubige diese geradezu unanständige Frage mit frommem Augenaufschlag und im Brustton der Empörung zuruckweisen (man verzeihe mir das frivole Wörtchen "Brust" in diesem delikaten Zusammenhang). Die Bräute Christi haben schließlich unter anderem das Gelübde der Keuschheit abgelegt. Und was soll dann die verhütende Chemie im lebenslänglich jungfräulichen - im Fachjargon nennen sie selbst das "unbefleckten" Leib?

Irrtum. Ganz großer Irrtum.

Nonnen dürfen doch. Nein, nicht das, was der lüsterne Leser vielleicht jetzt mit überheizter Phantasie denkt.

Also - DAS dürfen die gottgefäligen Ordensfrauen nach wie vor nicht - bevor das passiert, geht eher ein Papst durchs biblische Nadelöhr (oder war das doch eher ein wohlhabendes Kamel? Egal)

Aber sie dürfen doch, die Nonnen. Sie dürfen neuerdings die "Pille" nehmen, ohne Ärger mit der Schwester Oberin zu bekomnen. Denn die darf auch - zumindest, wenn sie alle ihren Ordensgeschäften "Down under" nachgehen, in Australien.

Die Deutsche Apotheker Zeitung (DAZ) meldete heute mit einer gewissen Süffisanz, der Generalsekretär der katholischen Bischofskonferenz Australiens, Brian Lucas, habe kund getan, dass die katholische Kirche keine Einwände gegen die Anwendung von Verhütungsmitteln durch Nonnen habe.

Ist da so eine Art "australischer Frühling" bei den Bischöfen Australiens angebrochen - mitten im australischen Hochsommer? Löcken die Aussie-Purpurträger gegen den römischen Stachel?

Der greise Herr Ratzinger im Vatikan kann sich beruhigt zurücklehnen. Es droht kein rebellisches Lebens- und Liebeslust bejahendes Ungemach von der anderen Seite des Sündentals namens Erde.

Die Erklärung ist rein medizinisch: Zwei australische Wissenschaftler wiesen nämlich kürzlich auf das erhöhte Krebsrisiko von Nonnen hin und empfahlen ihnen zur Prophylaxe die Einnahme von oralen Kontrazeptiva, volksmündlich als "die Pille" bekannt.

Die Reproduktionsmediziner Kara Britt und Roger Short in Melbourne leiten ihre Empfehlung teilweise aus epidemiologischen Studien ab, die insbesondere in den USA durchgeführt wurden. Bei über 80-jährigen Nonnen war das Risiko, an einem Ovarial- Endometrium- oder Mammakarzinom zu sterben, doppelt so hoch wie beim Durchschnitt ihrer gleichaltrigen Geschlechtsgenossinnen. Zudem zeigten Studien, dass Frauen, die vor der Menopause die „Pille“ eingenommen hatten, später ein um 50 bis 60 Prozent erniedrigtes Risiko hatten, an einem Ovarial- oder Endometriumkarzinom zu erkranken. Die hormonale Kontrazeption wirkt sich noch mindestens 20 Jahre nach dem Absetzen der Kontrazeptiva auf das Krebsrisiko aus.

Es ist bereits seit Längerem bekannt, dass Mütter ein geringeres Risiko für die drei genannten Karzinome aufweisen als kinderlose Frauen.

Ob die Nonnen sich mit dem Schlucken der Pille allerdings wirklich einen zumindest gesundheitlichen Gefallen tun, darf bezweifelt werden (von den üblichen Vorteilen dieder hochwirksamen Medikamente haben sie ja aus hinlänglich bekannten Gründen eh nichts).

Eine generelle Verordnung hormoneller Kontrazeptiva an kinderlose Frauen gilt als nicht empfehlenswert - und zu denen zählen die keuschen Frauen mit dem schlichten Habit und der jegliche Haarordnung gnädig verbergenden Haube ja im allgemeinen. Denn hinsichtlich des Brustkrebsrisikos gibt es auch die gegenteilige Darstellung, dass nämlich das Risiko bei Einnahme der „Pille“ steigt. Leicht verallgemeinernd kann man sagen, dass die "Pille" das Risiko Eines Eierstock-Karzinoms senkt und gleichermaßen das Brustkrebsrisiko erhöht. Zudem bergen hormonelle Kontrazeptiva andere gesundheitliche Risiken wie Komplikationen im Bereich der Herzkranzgefäße, die der Arzt vor der Verordnung aufgrund der Anamnese einschätzen sollte.

Fazit: Nonnen dürfen neuerdings schon - aber sie sollten (jenseits jeglicher moraltheologischen Überlegungen und Bedenken) vielleicht doch lieber nicht

Norbert Jos Maas


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